1. Neulich im Kummerkasten


    Datum: 01.03.2026, Kategorien: Schamsituation Deine Geschichten

    ... Talent. Die Jungs waren begeistert. Beim nächsten Mal kannst du auf eigene Rechnung arbeiten. Ich stell dir den Raum, die Kundschaft. Siebzig Prozent behältst du. Da geht was Ordentliches bei 'rum. Denk drüber nach.“
    Dann legte er auf.
    
    Susanne, ich leide irgendwie sehr darunter, aber es ist ein anderes Leiden. Es ist nicht mehr die Scham von damals in der Villa. Es ist die Angst. Die Angst davor, dass er recht haben könnte. Dass dieses ekstatische, leere Gefühl, dieser Pakt mit der eigenen Erniedrigung, irgendwo in mir lauert und nur darauf wartet, wieder geweckt zu werden. Ich fühle mich hohl. Und gleichzeitig erschreckend empfänglich für dieses Angebot. Für die Aussicht, wieder dieser Mittelpunkt zu sein, egal zu welchem Preis.
    
    War das Prostitution? Ja. Aber das ist nicht das Beunruhigendste. Das Schlimmste ist, dass ein Teil von mir es genossen hat. Dass ich im Strudel des Kontrollverlusts solche perversen, glücklichen Momente erlebt habe. Und jetzt, wo ich wieder ich selbst sein muss, mit all meinen Sorgen und Rechnungen, sehne ich mich nach diesem Glück. Fehlt mir diese einfache Gleichung: Mein Körper gegen ihre Aufmerksamkeit, gegen ein paar Euro, gegen eine Tüte Süßigkeiten.
    
    Wie komme ich da wieder raus? Wie schütze ich mich vor diesem Teil von mir, der bereit ist, alles zu tun, um gesehen und begehrt zu werden – sogar wenn „alles“ bedeutet, nichts mehr wert zu sein?
    
    Ich wäre für einen Ratschlag dankbar. Einen wirklichen. Denn die naheliegenden – Therapie, Anzeige, Beratungsstelle – hören sich in meinem Kopf an wie ferne, bedeutungslose Worte. Der Ruf des Sektkühlers ist lauter.
    
    Nellie
«1...3456»