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HomoLepus 12
Datum: 13.11.2018, Kategorien: Romane und Kurzromane,
Kapitel 26 Zuhause angekommen überkam mich sofort wieder das Gefühl des gefangen seins. Die Wohnung engte mich mehr als ein und ich hatte den Eindruck, als wenn die Wände immer weiter an mich heranrückten. Also riss ich erst einmal alle Fenster auf, um wenigstens frische Luft hineinzulassen. Zumindest das, was man in einer Stadt als frische Luft bezeichnete. Als ich mein größtes Fenster öffnete, blickte ich zufällig auf die andere Seite und entdeckte die Frau mit dem Fernglas, welches sie aber im Moment nicht in der Hand hielt. Sie sah zu mir herüber, und als sie sah, dass ich in ihre Richtung blickte, winkte sie mir zu. Immerhin schien sie freundlich zu sein, denn ich meinte sogar ein grinsen auf ihrem Gesicht zu sehen. Also winkte ich zurück und wackelte dabei mit dem Kopf, drehte mich dann um, um das Gleiche mit meinem Hintern zu machen. Als ich mich dann wieder drehte, lachte sie aus vollem Herzen. Ihr schien es zu gefallen, wenn ich mich leicht verrückt benahm und das erfreute dann wiederum mich. So hatte ich wenigstens ein wenig Beschäftigung, eine kleine Freude in der Enge der Wohnung. Von da an ließ ich meine Gardinen und Vorhänge immer so weit offen, wie es ging. Ich fand die Vorstellung gar nicht so schlecht, dass sie mir bei allem zusah, was ich tat. Sie sah ja nur die Hülle, nicht mich selber. Also störte es mich nicht im Geringsten und sie hatte die Möglichkeit, ihrer Beschäftigung nachzugehen. So war es dann auch. Als ich abends vor dem Fenster stand, ...
... waren die beiden Linsen des Fernglases auf mich gerichtet und ich winkte abermals zu ihr herüber. Sie wusste nun genau, dass ich wusste, dass sie da war und zu mir herüber sah. Eine Art stilles Einverständnis zwischen uns beiden. Ab dann glaubte ich sogar, dass die Linse des Teleskops auf mein Fenster gerichtet wurde. Aber ich konnte es nicht genau erkennen, störte mich aber genauso wenig wie die beiden des Fernglases. Doch eins wurde mir dabei nicht klar. Es gab im Prinzip bei mir nichts zu sehen. Klar, dass einer die ganze Zeit als Hase herumrannte, war nicht normal in dem Sinne und sicher für viele interessant, aber auf die Dauer würde es langweilig werden. Jemanden nur dabei zu beobachten, wie er fern sah oder sein Essen verdrückte, war auf die Zeit gesehen auch kein abendfüllendes Programm. Um ihre Aufmerksamkeit zu behalten, musste ich mir etwas einfallen lassen, musste zum Schauspieler werden. Also überlegte ich, was ich machen konnte. Dabei fiel mir allerdings nicht viel ein. Am frühen Abend kam Anna nach Hause. Sie hatte mehrere Einkaufstüten dabei und begrüßte mich damit, dass sie mir diese in die Arme drückte und mich am Einräumen beteiligte. Dann zog sie noch ein mittelgroßes Paket aus einer der Tüten und übergab es mir fast feierlich. Ein Geschenk für mich. So etwas hatte ich schon lange nicht mehr bekommen und ich wurde geradezu verlegen. Ich stellte es auf den Tisch und sah mir erst einmal ein kleines Kärtchen an, welches mit daran befestigt war. Darauf ...