1. Meine Geschichte


    Datum: 07.03.2020, Kategorien: Romane und Kurzromane,

    ... sich in der Plane verfingen. Sie rissen daran und lockerten die Verankerung. Als eine besonders heftige Böe kam, flog die Zeltplane plötzlich weg und die beiden waren der Naturgewalt schutzlos ausgeliefert.
    
    Mutter schrie ihre Schmerzen in den Sturm, als ich mich anschickte, sie zu verlassen. Blitzte zuckten über den ganzen Himmel und erleuchtete die Szene. Mutter war inzwischen vollkommen durchnässt, aber das spürte sie nicht mehr, alleine meine Geburt war in ihrer Wahrnehmung. Mit letzter Kraft presste sie mich aus ihrem Bauch, und wenn ich nicht von der Alten aufgenommen wäre, wäre ich in auf den aufgeweichten Boden gefallen.
    
    In diesem Moment schlug einer der Blitze nur einen Meter neben den beiden ein. Sie konnten das Ozon riechen, was dabei entstand, die Hitze fühlen, die auf sie abstrahlte und die Kraft spüren, die von dieser Entladung ausging. Beide zuckten zusammen und ich tat den ersten Schrei meines Lebens, während der Regen das Blut von meinem Körper wusch.
    
    Mutter war nicht mehr kräftig genug, um meine Geburt lange zu überleben. Die entbehrungsreichen Wochen und Monate hatten sie vollkommen entkräftet. Sie nahm mich noch einmal in ihre Arme, streichelte mir über den Kopf und küsste mich auf die Stirn. Dann verließen ihre Kräfte. Sie machte ihre Augen zu und öffnete sie niemals wieder. Genau in diesem Moment schlugen erneut ein Blitz neben uns ein und ich begann, erneut zu schreien. Die Alte hatte erkannt, dass Mutter nicht mehr unter den Lebenden weilte, ...
    ... nahm mich unter ihren durchnässten Umhang und ging so schnell es ging mit mir weg.
    
    Dies sind also die Umstände, warum ich diesen Namen trage. Man hat es mir jedenfalls so erzählt. Ob es richtig ist oder nur eine Geschichte, kann ich nicht sagen!"
    
    Während Asifa erzählt hatte, hatte auch ich die Augen geschlossen und sah alles wie bei einem Film vor mir. Nur widerwillig öffnete ich meine Augen und blinzelte in einen Sonnenstrahl, der sich durch einen Ast der Eibe durchgemogelt hatte. Ich war von der Geschichte beeindruckt, obwohl ich mir vieles nicht wirklich vorstellen konnte. Alleine der Umstand, dass Asifas Mutter verkauft worden sein sollte, bereitetet mir Bauchschmerzen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass etwas Vergleichbares in den letzten fünfzig Jahren geschehen sein konnte. Selbst die letzten hundert Jahre nicht. Aber ich kannte mich im arabischen Raum nicht aus, konnte also nicht gegen die Behauptung angehen, dass es nicht möglich sein könnte. Man hatte schließlich schon viel gehört über Frauen, die eine bestimmte Anzahl von Kamelen wert sein sollten. Ob alles nur ein Scherz, ein Witz war, konnte ich nicht sagen.
    
    Was mich allerdings am meisten dabei interessierte war, wie es in ihrem Leben weitergegangen war, und vor allem, was ich damit zu tun hatte. Es ergab keinen Sinn. Gut, ich kannte meine Eltern nicht. Meine Mutter oder irgendwer anderes hatte mich klassisch in einem Körbchen vor einem Krankenhaus ausgesetzt und das im Winter. Dabei aber nicht ...
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